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Vier Fragen zum Todestag von Detlev Rohwedder

Vor 30 Jahren wurde Dr. Detlev Karsten Rohwedder in seinem Zuhause erschossen. Er war eine der zentralen Figuren beim wirtschaftlichen Aufbau der deutschen Einheit. Um Detlev Rohwedder und seine Zeit zu verstehen, stellen wir vier Fragen, die uns mit auf die Reise in unsere eigene Geschichte nehmen – und die unser Deutschland bis heute mitbestimmen.

Collage 30. Todestag Dr. Rohwedder

Wer war Detlev Rohwedder? Leben und Arbeit

Der zweite Präsident der Treuhandanstalt ist eine tragische Figur der Wiedervereinigung. Nur wenige Monate im Amt, stand er vor einer wahren Herkules-Aufgabe. Erfahren Sie hier mehr.

Collage: Porträt Detlev Rohwedder; Zitat Hergard Rohwedder: „Er hat stets Ruhe und Haltung gewahrt, hatte Verständnis für die Motive der Kritiker…“

Das Gebäude an der Berliner Wilhelmstraße 97 und Detlev Rohwedder sind untrennbar miteinander verbunden. Lernen Sie den Menschen auf einem Gang durch das heutige Bundesfinanzministerium kennen.

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  • Ein Kämpfer für die neuen Bundesländer


    1932:
    Detlev Karsten Rohwedder wird in Thüringen geboren und wächst in Berlin und Schleswig-Holstein auf.

    1960: Heirat mit Hergard Toussaint. Aus der Ehe gehen zwei Kinder, Philipp und Cäcilie, hervor.

    1961: Studium der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften mit Abschluss und Promotion zum Dr. jur. in Mainz und Hamburg.

    1969-79: Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium.

    1979-90: Vorstandsvorsitzender des Dortmunder Stahlkonzerns Hoesch AG.

    Ab 1990: Leitung der Treuhand. Sie überführt die Betriebe der DDR-Volkswirtschaft in die soziale Marktwirtschaft der Bundesrepublik. Dabei setzt er sich besonders für die Interessen der Menschen in Ostdeutschland ein.

    1. April 1991: Detlev Rohwedder wird in seinem Haus in Düsseldorf von Unbekannten erschossen. Obwohl es ein Bekennerschreiben der RAF gab, konnten bis heute keine Täter ermittelt werden.

    10. April 1991: Ehrung mit einem Trauerstaatsakt in Berlin.

    Seit 1992: Das Treuhandgebäude wird in „Detlev-Rohwedder-Haus“ umbenannt. Seit 1999 ist es der Haupt-Dienstsitz des Bundesfinanzministeriums.

Was war die Treuhand? Die Aufgabe der Wirtschafts-Einheit

Für die einen eine prägende Erinnerung, für die anderen völlig unbekannt. Die Institution setzte die deutsche Einheit auf Wirtschaftsebene um und ordnete von heute auf morgen eine ganze Volkswirtschaft neu. Hier erfahren Sie die bewegte Geschichte.

Collage: Pressekonferenz der Treuhand; Zitat Detlev Rohwedder: „Es ist eine Aufgabe von nahezu furchterregender Dimension.“

  • Eine Aufgabe, wie es sie noch nie gegeben hatte


    Die „Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums“ oder kurz Treuhandanstalt hatte die Aufgabe,

    • die unternehmerische Tätigkeit des Staates durch Privatisierung so schnell wie möglich zurückzuführen,
    • die Wettbewerbsfähigkeit möglichst vieler Unternehmen herzustellen und somit Arbeitsplätze zu sichern und neue zu schaffen.

    Dafür gab es keine Anleitung. Noch nie war eine ganze Volkswirtschaft umgebaut worden. Es ging um 8.500 volkseigene Betriebe der DDR mit 45.000 Betriebsstätten und über 4 Millionen Beschäftigten.


    Management
    mit sozialem Augenmaß


    Detlev Rohwedder war früh klar: Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen würden die Lebensverhältnisse vieler Bürgerinnen und Bürger in den neuen Bundesländern grundlegend verändern. „Die Treuhand versteht sich auch als Einrichtung, die mithelfen will, dass […] die Menschen nicht unter die Räder kommen“, sagte er in einem Interview.

    Laut Statistik war die DDR unter den zehn führenden Industrienationen der Welt. Hinter den Fassaden planwirtschaftlicher Bilanzen lag die Produktivität allerdings um geschätzte 50 Prozent unter der in der Bundesrepublik. Die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion brachte im Sommer 1990 die D-Mark nach Ostdeutschland – und die Betriebe dort um den Rest ihrer Rentabilität. Rasches Handeln war geboten, um noch Schlimmeres zu verhüten, als ohnehin zu befürchten war. Bis Anfang 1991, Detlev Rohwedders Tod, wurden rund 500 Betriebe privatisiert.


    Was kostet eine vereinte Wirtschaft?


    Unter Detlev Rohwedders Nachfolgerin Birgit Breuel trieb die Treuhand die Reorganisation voran – mit ambivalenten Folgen. In nur knapp vier Jahren wurden sämtliche Unternehmen privatisiert oder in kommunalen Besitz überführt. Mehr als 3.700 Betriebe mussten geschlossen werden. Für die betroffenen Menschen ein schwerer Schlag. Nahezu zwei Drittel aller Arbeitsplätze gingen verloren.

    War das Glas nun halb leer oder halb voll? Was kostete diese wirtschaftliche Einheit? Nun, bis vor kurzem haben alle Deutschen zusammen den Schuldenberg der Treuhand von rund 270 Milliarden D-Mark abgetragen. Nicht verschwiegen werden darf dabei, dass im Verlauf dieses ökonomischen Kraftakts auch enorme Verluste durch Wirtschaftskriminalität zu Buche schlugen. Der Treuhandsprecher Wolf Schöde formulierte es so: „Wir lernten, während wir Fehler machten.“ Warum? „Weil es so etwas wie den Umbau eines ganzen Staates noch nie gab.“ Ende 1994 wurde die Treuhand aufgelöst. In unglaublich kurzer Zeit war eine ganze Wirtschaft transformiert worden und konnte sich auch im Wettbewerb behaupten.

Und was ist mit dem Gebäude? Das Detlev- Rohwedder-Haus

Heute ist der Berliner Hauptsitz des Bundesfinanzministeriums nach dem Treuhand-Präsidenten benannt. Aber hier wurde noch weit mehr Geschichte geschrieben. Erfahren Sie mehr zur turbulenten Vita des Gebäudes.

Collage: Detlev-Rohwedder-Haus; Zitat Detlev Rohwedder: „Es ist ein bisschen wie im Wilden Westen...“

Wie sehen wir das heute? Forschung und Erinnerung

Die Zeit Detlev Rohwedders und der Treuhand prägen Deutschland bis heute. Die Erinnerung und die Geschehnisse werden deswegen aktiv aufgearbeitet. Hier finden Sie zwei spannende Stimmen zum Damals und zum Heute.

Collage: Büste Detlev Rohwedder; Zitat Richard von Weizsäcker: „Kaum einer sah von Beginn an die Schwierigkeiten so deutlich…“

  • Im RND-Interview erinnert sich Finanzminister Olaf Scholz daran, wie er die Wendezeit erlebte. Der SPD-Politiker kritisiert die Arbeit der Treuhand und verrät, warum er in den 90er-Jahren häufig in Ostdeutschland unterwegs war.

    RND: Herr Scholz, am 1. Juli 1990 wurde die West-Mark in der damaligen DDR eingeführt. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

    Olaf Scholz: Ich glaube, vielen Westdeutschen erschloss sich die Tragweite dieses Tages damals gar nicht sofort. Ganz anders für viele in der damaligen DDR, weil die D-Mark eine so wichtige Bedeutung hatte, nicht nur finanziell, sondern auch emotional. Die Verunsicherung in diesen Zeiten war ja groß. Ich habe das noch sehr präsent, weil ich als Anwalt für Arbeitsrecht seit 1990 häufig in den neuen Ländern unterwegs war und viele frisch geschaffene Betriebsräte vertreten habe, die mit der schwierigen Lage der ostdeutschen Wirtschaft umzugehen hatten. Dabei habe ich übrigens unglaublich viele tolle Frauen und Männer kennengelernt, die sich sehr für die Betriebe und ihre Kolleginnen und Kollegen eingesetzt haben, und die mir ihre Erlebnisse schilderten.

    RND: Was haben Sie konkret gemacht?

    Olaf Scholz: Als Arbeitsrechtler habe ich die Betriebsräte in den Verhandlungen mit Unternehmensleitungen und Vertretern der Treuhandanstalt beraten – in der Regel ging es darum, den massiven Abbau von Arbeitsplätze so weit wie möglich sozialverträglich zu gestalten. Wir haben hart gekämpft für ordentliche Sozialpläne und Beschäftigungsgesellschaften für die Beschäftigten, beispielweise bei den ehemaligen Kombinaten Takraf oder Orsta-Hydraulik. Einige Gespräche fanden übrigens auch hier in diesem Gebäude des Bundesfinanzministeriums in der Wilhelmstraße statt, in dem wir heute sitzen. Damals residierte hier die Treuhand.

    RND: Wie haben Sie diese Arbeit empfunden?

    Olaf Scholz: Es war schon eine belastende Situation, denn es ging um viele Arbeitsplätze, aber ich war und bin froh, dass ich etwas helfen konnte. Mein Respekt gegenüber der Leistung der Ostdeutschen ist riesengroß, denn sie mussten sich damals innerhalb kürzester Zeit an völlig neue Gegebenheiten anpassen. Die eigene Erfahrung zeigt einem, wie schwer so etwas fällt. Einen derart massiven Umbruch zu bewältigen, ist eine enorme Lebensleistung, die noch zu oft nicht ausreichend gewürdigt wird.

    RND: Ost-Mark und D-Mark wurden damals im für die ersten 4000 Mark im Wechselkurs 1:1 getauscht, obwohl die Bundesbank einen Kurs von 2:1 empfohlen hatte. War das rückblickend betrachtet ein Fehler?

    Olaf Scholz: Nein, dieser Umtauschkurz war völlig richtig. Er war Ausdruck des Respektes gegenüber den Ostdeutschen und ihrer Arbeitsleistung. Sie hatten genauso wie die Westdeutschen in ihren Betrieben geschuftet. Etwas anderes als Eins zu Eins hätten sie nicht akzeptiert - zu Recht.

    RND: Der damalige SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine hat bei Währungsunion und Einheit auf der Bremse gestanden und vor negativen Folgen einer zu schnellen Wiedervereinigung gewarnt. Hat Ihre Partei am Ende Recht behalten?

    Olaf Scholz: Meine Partei war klar für die Deutsche Einheit; sie haben die Position eines - zugegeben sehr prominenten - damaligen Mitglieds angeführt. Ich bin jedenfalls sehr froh, dass der Einigungsprozess so zügig abgelaufen ist. Das haben sich die Bürgerinnen und Bürger der DDR erkämpft. Wir dürfen nicht vergessen, die SPD oder vielmehr die damalige SDP war aktiver Teil der Opposition in der DDR. Sie wurde 1989 im Pfarrhaus von Schwante im heutigen Brandenburg mit großem Mut von Männern und Frauen gegründet, die damit viel riskierten. Daher war es eine Selbstverständlichkeit, dass die Westdeutschen den wirtschaftlichen Umbruch solidarisch unterstützt haben. Wir sind ein Land und stehen füreinander ein.

    RND: Sie haben die Treuhand erwähnt – sie ist für viele Ostdeutsche zum Symbol geworden für Ausverkauf und Abwicklung der Ost-Wirtschaft. Sehen die die Arbeit auch so kritisch?

    Olaf Scholz: Mit dem Wissen von heute wäre es schon wünschenswert gewesen, wenn mehr Betriebe überlebt hätten. Das Ausmaß, mit dem damals Arbeitsplätze verloren gegangen sind, kann man sich heute kaum noch vorstellen. Und die Tatsache, dass 30 Jahre danach Löhne und Einkommen im Osten nach wie vor niedriger sind als im Westen, zeigt ja, dass der Aufholprozess der ostdeutschen Wirtschaft noch immer nicht beendet ist. Wir haben weiterhin Aufgaben zu bewältigen, die aus der Einheit resultieren. Deshalb ist es richtig, den Soli, den wir für 90 Prozent derer, die ihn heute zahlen, nächstes Jahr abschaffen, für die anderen beizubehalten.

    RND: Was hätte man damals anders machen müssen?

    Olaf Scholz: Ach, es gab nicht den einen Kardinalfehler. Es war richtig, so schnell wie möglich ökonomisch zusammen zu wachsen. Aber schon damals hatte ich den Eindruck, dass man manchen Unternehmen mehr Zeit hätte geben müssen, um auf dem Weltmarkt mithalten zu können.

    RND: Ein Vorwurf lautet, die Treuhand habe letztlich nur den Willen der westdeutschen Unternehmen umgesetzt und unliebsame Konkurrenz beseitigt. Sehen Sie das auch so?

    Olaf Scholz: Zumindest stand damals ein zügiger Verkauf der ehemals volkseigenen Betriebe an westdeutsche oder ausländische Unternehmen im Vordergrund. Nur selten gelang es, dass sich Unternehmen eigenständig entwickeln und behaupten konnten. Rückblickend betrachtet hätte man mit mehr Kapitalhilfen die Lage verbessern können. Leider ist das vergossene Milch.

    RND: Nur 12 Jahre später mussten die Ostdeutschen die D-Mark wieder abgeben, der Euro wurde eingeführt. Können Sie verstehen, dass viele Menschen in den neuen Ländern damit gehadert haben?

    Olaf Scholz: Drei Währungen in kurzer Zeit - DDR-Mark, D-Mark und Euro - hat wohl selten eine Generation mitmachen müssen. Aber es war notwendig und richtig. Die Entscheidungen hängen eng zusammen. Die deutsche Wiedervereinigung wäre ohne eine Einbettung in die Europäische Union niemals möglich gewesen. Nach zwei Weltkriegen, die Deutschland angezettelt hatte, sollten wir noch heute unseren Nachbarn dankbar sei für ihre Bereitschaft, ein so starkes und vereinigtes Land in der Mitte Europas zu akzeptieren. Die Einführung des Euro war die richtige Entscheidung.

    (Auszug aus einem Interview vom 30.06.2020)

  • Seit 2017 untersucht das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) München – Berlin in einem Forschungsprojekt die Geschichte der Treuhandanstalt. Ziel ist eine historisch differenzierende Betrachtung. Das Bundesfinanzministerium unterstützt das Forschungsprojekt finanziell. Derzeit arbeiten dort neun Mitarbeiter*innen, die bisher über 1.880 Akten eingesehen haben, insgesamt wurde bisher in 40 staatlichen und privaten Archiven in fünf Ländern gearbeitet und recherchiert. Anlässlich von 30 Jahren deutscher Einheit berichtete uns der stellvertretende Leiter der Abteilung Berlin-Lichterfelde über seine Forschung.

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    Näheres zum IfZ und zu den Zwischenergebnissen finden Sie hier.