Hallo, ich bin der Karsten, war zum Zeitpunkt des Mauerfalls 28 Jahre alt und wohnte 1989 im Nordhessischen in einem kleinen Ort nahe der innerdeutschen Grenze.

Ja, ich bin die Sandra. Zum Zeitpunkt des Mauerfalls war ich 10 Jahre alt und zu dem Zeitpunkt habe ich in Petersdorf gelebt, in Mecklenburg-Vorpommern.

Ich bin Alisa. Ich bin in Bielefeld, NRW, geboren und zum Zeitpunkt der Wende war ich noch nicht auf der Welt.

Da sind wir bunt gemischt. Ja, ich sehe auf dem Tisch liegen ein paar Karten, bin mal gespannt.

Wie haben Sie den Mauerfall, jenen 9. November 1989, erlebt? Was war das für ein Gefühl?

Als es verkündet worden ist, dass die Mauer gefallen ist, konnten meine Eltern das, glaube ich, noch gar nicht glauben. Sie waren natürlich in heller Aufregung. Ist das jetzt wirklich wahr? Ist das jetzt ein Scherz? Ich selber hatte gar kein Gefühl, weil ich zu dem Zeitpunkt, mit zehn Jahren, bin ich in einer Welt aufgewachsen, ich kannte ja nichts anderes. Ich hab's nie hinterfragt.

Also, ich saß auch mit meiner Frau im Wohnzimmer vor dem Fernseher, und wir nahmen dann auch diese Information so wahr, aber so eher als Scherz abgetan. Tags drauf kommt eine Wandergruppe des Weges, so sechs, sieben Personen, richtig freudestrahlend, neugierig. Nach näherem Fragen stellte sich heraus: Es war eine Wandergruppe aus der ehemaligen DDR, die dann ja sich auf Wanderschaft begaben, um vielleicht die nähere Umgebung mal ein bisschen näher kennenzulernen. Fernseher selbst am 9. November hat man wahrgenommen, nicht richtig geglaubt, aber tags drauf, wo das praktisch direkt vor der Tür stattfand. Das war dann das Ereignis, was uns auch davon überzeugte, dass es tatsächlich so ist.

Wann seid ihr zum ersten Mal in den anderen Teil Deutschlands gefahren? Und wie war euer Eindruck?

Ich kann mich noch an dieses Gefühl erinnern, wie das war, sozusagen von einer Welt in die nächste Welt zu treten. Man geht eben wie von einer Schwarz-Weiß-Welt in eine bunte Welt. Auf der anderen Seite haben auch ganz viele Menschen gestanden und Luftballons verteilt. Meine Eltern haben das Begrüßungsgeld abgeholt. Ich glaube, es waren hundert Westmark. Das erste Mal überhaupt Westgeld in den Händen zu halten, das war schon eine Besonderheit. Und wir sind in den ersten Shop reingegangen, und dort haben meine Eltern dann für mich einen Kassettenrekorder gekauft.

Wir wussten nicht, wie wir damit umzugehen haben. Geht man jetzt dahin, guckst dich ein bisschen um, geht es wieder zurück? Ist die Grenze wieder zu? Eine Woche haben wir gewartet, und dann haben wir einen kleinen Spaziergang gemacht. Sind kurz über die ehemalige Grenze, haben uns da ein bisschen umgeschaut, und dann sind wir gleich wieder zurück.

Was hat die Deutschen in den zurückliegenden 30 Jahren am meisten zusammengeschweißt?

Natürlich die Erfahrungen, die Erlebnisse an dem Tag des Mauerfalls. Weil es von sehr vielen Emotionen begleitet war, dass das ein Gemeinschaftsgefühl erweckt hat. Aber jetzt, im Rückblick und im Nachgang, hat sich das, glaube ich, sehr verklärt dieses Gefühl. Also das ist irgendwie abhandengekommen, dieses Gemeinschaftsgefühl.

Zu der Zeit am 9. November war ich gerade dabei, eine Jugendabteilung zu gründen im Bereich Fußball. Aus einer ursprünglich geplanten Jugendmannschaft wurden mehrere. In der ganzen Jugendabteilung waren vier oder fünf Jugendmannschaften. Das war richtig Klasse. Und das ging so weit, dass sogar irgendwann die Väter der Kinder auf mich zukamen und fragten, ob sie nicht auch irgendwie mit Fußball mitspielen können. Ja, und dann haben wir dann noch eine ü40 Mannschaft gegründet - die alten Hasen. Wir Menschen sind doch, wenn es um eine Sache geht, alle gleich. Da wird nicht unterschieden zwischen Ost und West. Und die Kinder sowieso nicht. Kinder, wenn die auf einem Haufen sind, die fragen nicht: Wo kommst du her? Sondern da steht der Spaß an vorderster Front. Und dann geht's zur Sache.

Dann würde ich einfach mal die nächste Frage ziehen. Die ist auch an dich gerichtet, Alisa. Du bist sieben Jahre nach der Wiedervereinigung geboren. Welches Erlebnis oder welcher Ort hat für dich deutsch-deutsche Geschichte erstmals erlebbar gemacht?

Also grob gesagt mein Umzug nach Berlin, weil es hier zwangsläufig sehr präsent ist, dass Deutschland mal geteilt war, wegen der ganzen Gedenkstätten oder der Museen hier, aber auch wegen der Leute generell. Und vor einem Jahr, glaube ich, hatte ich hier als Azubi ein Projekt, und da haben wir auch Zeitzeugen aus der Gedenkstätte Hohenschönhausen interviewt. Und das war für mich so der allererste Berührungspunkt, wo ich wirklich mal offen mit jemandem reden konnte. Und das fand ich was ganz Tolles, diese beiden Seiten innerhalb einer Person mal sehen zu können.

Erinnern Sie sich an etwas aus dem Westen, das Sie sich als Kind besonders gewünscht haben?

Kleidung - zu DDR-Zeiten sahen alle gleich aus. Es sah auch nicht hübsch aus, also nicht hübsch geschnitten. Wenn man dann ein Paket vielleicht aus dem Westen von der Großtante bekommen hat und dann mal abgetragene Kleidung bekommen hat, das hat man sich dann in Ehren gehalten.

Nach der Wiedervereinigung war oft die Rede von der Mauer in den Köpfen der Menschen. Ist es für Sie im Alltag heute noch ein Thema, ob jemand aus dem Osten oder Westen kommt?

Da würde ich direkt etwas zu sagen. Ich glaube, das wird ganz oft noch zum Thema gemacht. Ich glaube, meine Generation nimmt das so an. Aber weiß jetzt gar nicht so unbedingt, warum das noch zum Thema gemacht wird.

Und unterscheidet ihr da irgendwie noch?

Ich versuche das persönlich abzulegen, aber es fällt manchmal schwer, weil von außen die Einflüsse so gravierend sind. Auch im Fernsehen, in den Medien; wenn ich dann immer höre: Ja, Ost-West. Wo ich immer denke, wir haben jetzt 30 Jahre danach. Warum müssen die Begrifflichkeiten immer noch fallen?

Ich wohne jetzt seit 2002 im Speckgürtel Berlins. Da, wo ich jetzt wohne, ist dieses Zusammenschweißen der Menschen aus Ost und West positiv in Erscheinung getreten. Es gab am Anfang immer Zurückhaltung, Skepsis und so weiter. Aber es schafft ja auch Vertrauen, wenn man sieht, dass da etwas entwickelt und gemacht wird, was allen gut tut. Sei es ein Bau eines Spielplatzes, Ausbau einer Straße, das bleibt ja nicht unbeobachtet. Das erweckt dann auch, wie gesagt, ein gewisses Vertrauen, ein positives Bild. Da kommt man sich zwangsläufig auch näher.

Sind wir bereit für die letzte Frage? Soll ich?

Bitte ergänzen Sie: Damit Ost- und Westdeutschland noch enger zusammenwachsen, müssen wir...?

Ich glaube, da ist dein Punkt ganz wichtig: an einem Strang ziehen. Ich glaube, das ist so das Ding, dass es noch kein oder zumindest zu wenig gemeinsames Verständnis für die Geschichte oder für das Jetzige gibt. Das es halt immer noch, wie du auch gesagt hast, mit dem Ost- und Westdeutschland, dass das immer noch so betont wird. Ich glaube, da muss man einfach den Weg finden, da etwas Gemeinsames zu schaffen.

Sehe ich auch so. Und die ganzen Unterscheidungen, die immer noch bestehen... Ja. ...sei es auch in der Rentenversicherung, ... Oder beim Gehalt. Genau. Solange das auch nicht beseitigt wird, wird es nie sein, dass man noch enger zusammenwachsen kann. Also dafür müssten die Unterscheidungen einfach auch mal beiseitegelegt werden.

Ja, das stimmt. Da gebe ich euch vollkommen Recht. Aber zwischenmenschlich, denke ich, kann man nicht mehr unterscheiden zwischen Ost und West. Wenn überhaupt vielleicht noch an der Sprache.

Das stimmt. Aber man wird häufig danach gefragt, wo man herkommt. Ost oder West. Und dann denkt man so: Warum interessiert das überhaupt? Warum ist das wichtig?

Dann hat man Gesprächsstoff, um die Geschichte wieder aufzuarbeiten.